eBike Tuning

Kaum war ich 15 Jahre alt, musste ich damals ein Mofa haben. Dieses Stück Freiheit hatte mich 3 Jahre Taschengeld gekostet und die Optik war jeden Cent wert. Und kaum hatte ich das gute Stück (eine Solo mit verchromten Tank), da kam schon einer meiner Schulhof Buddies um die Ecke und meinte: „Und? Auf wieviel hast Du es frisiert?“ Er hatte seine Zündapp auf über 80 km/h hoch gepäppelt. Meine Solo ging 25, war damit gähnend langweilig, aber sicher. Und ich wurde auf meinem Standardweg von München Zentrum nach Obermenzing durchschnittlich 2x gefilzt und nach Ausweispapieren gefragt. Wäre es zu schnell gewesen, wäre ich sofort aufgeflogen, hätte keine Versicherung mehr gehabt undsoweiter. Ein eBike Tuning lockt heute ebenfalls. Das Risiko ist genauso hoch wie damals.

eBike Tuning nötig?
Haibike-NDURO-8.0 – Testosteron auf 2 Rädern

Risiken beim eBike Tuning?

Egal ob es ein Auto, ein eBike oder ein Motorrad ist, beim Stichwort „Tuning“ denken alle zuerst an Leistungssteigerung. Genau das ist aber die erste Ursache des Problems. Die höhere Belastung der Komponenten, wie Bremsen, Rahmen oder Lenker haben die meisten nicht auf dem Radar. Das eingesetzte Material muss deutlich belastbarer sein. Wenn man ein einziges Teil an einem eBike austauscht, dann kann es sein, dass die Produkthaftung der Herstellers erlischt. Hat es der Händler ausgetauscht, dann muss er die Haftung für den Tausch übernehmen, außer die Teile haben schon eine Abnahme, aber dazu weiter unten mehr.

Gravelbike mit E-Unterstützung von Stevens
Das Stevens E-Getaway – Gravelbike mit Fazua-Antrieb (Quelle: www.pd-f.de ‚Andreas Hofer‘)

Tunen ist normal, oder?

Ein weiterer Grund, warum sich Tunen so „normal“ anfühlt, ist, weil wir es vom Nicht e-unterstütztem Bike (Bio-Bike) nicht anders kennen. Wir sind es gewohnt ein Bike zu „optimieren“, es leichter, schneller, besser zu machen. Der ganze Geschäftsbereich Fahrradteile basiert auf diesem Grundmodell. Und doch betreten wir mit der Integration eines Motors an unser Bike ein neues Terrain. Rein juristisch sieht es so aus: mit dem Einbau eines Motors wird aus meinem Fahrrad ein Kraftfahrzeug – und das unterliegt anderen Regularien. Ab jetzt gilt die Maschinenrichtlinie und S-Pedelecs bis 45 km/h müssen sogar noch zur Abnahme zum TÜV, wenn wir etwas verändern. Immerhin wissen wir jetzt eines: die Welle an Neuprodukten mit einem „E“ vor dem Namen hat tatsächlich einen guten Grund: die Unbedenklichkeitsbescheinigung für den Einsatz mit Motor.

Die Maschinenrichtlinie

Die Fakten rund um die Maschinenrichtlinie sind im Detail noch mal hier beschrieben. Kurz zusammengefasst hat uns Rolf Häcker, Leitung Produktentwicklung bei ergotec & Mitarbeiter im Normenausschuss, unter anderem Folgendes in Bezug auf eBike-Tuning mitgeteilt: „Neben den Prüfungen nach europäischen Prüfnormen prüft ergotec auch nach den deutlich höheren ergotec Safety Level Anforderungen. Baut man also ergotec-Teile an ein eBike25 an, übernimmt man nicht automatisch die Produkthaftung. Die bleibt beim Hersteller. Entsprechende Unbedenklichkeitsbescheinigungen hierzu sind unter https://www.ergotec.de/de/service.html#56“ zu finden. Anders sieht es bei den schnellen eBikes45 aus. Die müssen nach dem Umbau, von einem anerkannten Prüfingenieur abgenommen und der Umbau anschließend dann in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden. Wird der Umbau nicht eingetragen, macht man sich strafbar: das will niemand! Weitere Informationen sind unter https://www.ergotec.de/files/service/unbedenklichkeitsbescheinigungen/Leitfaden_Bauteiletausch_E-Bike_45_Stand-24-05-2018_DE.pdf zu finden.“

Bike Stammtisch - nicht nur für Experten
Bike Stammtisch von und mit Bike Experten

Profi-Tipps

Auf dem Bike-Stammtisch wird das Thema eBike Tuning ebenfalls heiß diskutiert. Was sagen die Profis zum eBike Tuning? Da haben wir noch zwei wichtige Meinungen. Marc Burger, Betreiber des Facebook Pedelec-Forums und der eBike-Zone.de: „Das Tunen von eBikes betrifft nicht nur den Einzelnen, sondern uns alle. Wenn wir die eBikes schneller machen, dann verlieren sie ihren Status als Fahrrad. Man kann dann nicht mehr durch den Wald oder auf einen Berg fahren. Es droht Helm- und Versicherungspflicht. Damit wird es nicht mehr den unbeschwerten kleinen Anlass geben „sofort“ aufs eBike zu steigen und los zu fahren. Der ganze Markt kann einbrechen.“ Übrigens sind laut Umfragen in dem größten eBike-Forum ca. 15% der eBikes in DE getunt (gestützt durch Zahlen von Motoren-Herstellern bei Garantie-Rückläufern).

Quelle/Source [´www.brose-ebike.com | pd-f´]
Der „Brose Drive C“ ist ein vor allem auf Effizienz ausgerichteter Mittelmotor, dessen Leistungsspitze zugunsten längerer Akkuleistung zurückhaltender eingestellt wurde. Quelle/Source [´www.brose-ebike.com | pd-f´]

Ist „mehr“ immer besser?

Muss es immer „mehr“ Leistung sein? Der typische neue eBike-Kunde testet heute sein erstes eBike aus. Es gefällt ihm sehr und er kann das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht bannen. Nach dem Schock über den Preis erholt er sich dennoch recht schnell. Dann beginnt die „Recherche“. Internet-Artikel überfordern unseren Newbie schnell, da überall sehr ähnliche Dinge über „Das eBike“ stehen, die allesamt zu unterschiedlichen Ergebnissen führen (Es gibt so viele eBikes, wie es Fahrradtypen gibt). Also wird der gute Freund gefragt, der schon ein eBike hat und der sich auskennen muss. Und der sagt: „Du brauchst Leistung – also den potentesten Motor, der aktuell auf dem Markt ist“. Natürlich sind das stereotype Schubladen, die ich gerade aufmache – aber gebt es zu: ihr habt das schon mal gehört 😉 Auf den Automarkt übertragen würde das ja heißen, dass wir alle nur noch mit Ferrari und Porsche durch die Gegend fahren, ungeachtet von Spritpreis, Anschaffungs- und Haltungskosten. Der Brose-Motor oben zeigt Euch, dass es nicht nur um Leistung geht.

Bavarian Finest e.Bike
Bei Roland im Test: ein NOX und ein Velo de Ville

Gar kein Tuning?

Und wer wirklich mehr will? Kann man gar nicht mehr tunen? Wir haben Roland von Bavarian Finest e.Bikes gefragt. Er baut eBikes in jeder Klasse auf. Das eBike Tuning sieht er dabei mit ganz anderen Augen: „Vor dem Kauf kommt die Bedarfsanalyse. Für welchen Zweck möchte der Kunde das Bike einsetzen? Wieviel möchte er ausgeben? Und dann kann man im breiten Sortiment das richtige Bike aussuchen. Anpassungen gibt es dann schon, aber die betreffen das Bike-Fitting und die Ergonomie. Hier holt man für den Kunden viel mehr raus als mit dem „größten verfügbaren Motor“. Gleichwohl kann man bei Roland auch schicke und sehr starke Bikes wie das M1-Spitzing austesten und ordern (das gibt es als Pedelec (bis 25km/h), als S-Pedelec (bis 45km/h) und als R-Pedelec (bis 75km/h)). Und bei solchen Bikes gibt es das Tuning schon ab Werk – und welche Teile man dann zur Optimierung noch einsetzen könnte, dafür hat Roland sein besonderes Regal (inklusive den dazu gehörigen Unbedenklichkeitsbescheinigungen).

Gibt es bei Bavarian Finest e.Bike's
Das M1 Spitzing gibt es als Pedelec, S-Pedelec und Race R-Pedelec

Beispiel Fazua-Motor

Die Motor-Getriebe-Akku-Einheiten von Fazua sind ein sehr schönes Beispiel für „clevere Unterstützung schlägt Kraft-Tuning“. Die Motoren sind nicht sehr stark, aber sehr leicht. Und sie können sehr einfach aus- und wieder eingebaut werden. Auf einem eGravel-Bike sind sie daher perfekt im Einsatz. Ist man im Herbst voll austrainiert und mit seinen Bike-Partnern unterwegs, baut man die Motor-Getriebe-Akku-Einheit aus, setzt eine Blende drauf und hat ein ganz normales und sehr leichtes Gravel-Bike. Und wenn die Kondition im Keller gelandet oder Gegenwind angesagt ist, dann hat man mit der eUnterstützung genau den Rückenwind, damit man mit Freude und Geschwindigkeit über Feld- und Waldwege jagen kann, trotz widriger Umstände.

eGravel mit Fazua-Antrieb by Stevens
eGravel mit Fazua-Antrieb by Stevens

Fazit

eBike Tuning ist ein ganz heißes Eisen – eines mit sehr viel Risiko. Nach jeder Tuning-Maßnahme muss man sein Sportgerät vom TÜV (oder ähnlichem) abnehmen lassen. Wenn dann aus dem Super Pedelec durch die gestiegene Geschwindigkeit ein unspektakuläres S-Pedelec mit Zulassungspflicht, Kennzeichen und Fahrverbot auf Radwegen und durch Wälder geworden ist, spätestens dann weiß man, dass die Tuning-Maßnahme voll nach hinten los gegangen ist. Unser Rat an diejenigen, die mal ein schnelles S-Pedelec fahren möchten, ist: Leiht euch eines für einen Tag, um dann alle Vorteile auf EUREM Bike am nächsten Tag mit gutem Gewissen nutzen zu können. Viel Spaß! Euer born2.bike-Team.

Jedes Teil muss passen!

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